| Folge 12 und Ende: Ixat |
Aber weil es nicht so viele Stadtverwaltungen gab, die seiner Firma mit dem wohlklingenden Namen "Europäische Verkehrsoptimierung" (EVO) den entsprechenden Auftrag gaben, musste sich Heinzls EVO als One-Man-Show durchs Geschäftsleben schlagen: hier eine Verkehrszählung, da eine Fahrplan-Optimierung, und mit viel Glück auch mal irgendein Unterauftrag beim Aufbau eines neuen Verkehrsverbundes oder einer neuen Straßenbahntrasse.
Vielleicht musste so ein Sonderling daherkommen, um den gesamten Stadtverkehr von Grund auf zu revolutionieren. Denn nichts weniger verbirgt sich hinter den vier Buchstaben "Ixat", die sich Heinzl im September 2008 schützen ließ - und pünktlich zum ersten verkaufsoffenen Adventsamstag auf den Markt brachte. Im Verkaufsprospekt für den eigentlich für Oktober 2010 geplanten Ixat-Börsengang wurde das damals neu erfundene Geschäftsfeld als "Unified Mobilizing" bezeichnet; in Heinzls erstem Businessplan vom Herbst 2008 hatte er die Idee noch "Mobilitätsberatung in Echtzeit" genannt.
Der Grundgedanke ist bestechend einfach. Der Kunde gibt bei Ixat an, wo er hin möchte und bekommt innerhalb von Sekunden vier Wege zu seinem Ziel geliefert: den schnellsten, den bequemsten, den billigsten und den ökologischsten. Natürlich ist der Vorgang in der Realität etwas komplexer - je nachdem, ob der Kunde direkt lokalisierbar ist (nur für angemeldete User via Handy oder WLan) oder nicht, ob er das Ziel sofort oder erst später ansteuern möchte, ob alleine oder mit anderen zusammen, ob mit Gepäck oder ohne, müssen die Operatoren beziehungsweise die Software entsprechend unterschiedlich disponieren. Zudem sind einige Verkehrsmittel nur für dort registrierte Kunden zugänglich, etwa die Stattauto-Wagen oder die Fahrräder der Deutschen Bahn.
Die Idee für das Projekt sowie für den anfangs etwas gewöhnungsbedürftigen Namen hatte Herbert Heinzl bei einem Spanien-Urlaub. Er fand es putzig, dass Abkürzungen bei Spaniern praktisch grundsätzlich umgekehrt geschrieben werden: OTAN statt NATO, PIB statt BIP, UE statt EU. Sogar "Hallo" heißt dort "Hola". Also müsste "Hallo Taxi" auf Spanisch "Hola Ixat" heißen. Und dann fing er an nachzudenken: Ixat, das wäre das Gegenteil von Taxi - oder vielleicht einfach nur das Taxi-Prinzip auf den Kopf gestellt. Taxi steht für ein Verkehrsmittel, das jederzeit individuell verfügbar ist. Dann könnte Ixat dafür stehen, dass alle Verkehrsmittel jederzeit individuell verfügbar sind. So wie bei Produkt-Suchmaschinen im Internet ja auch alle Anbieter gleichzeitig für den Interessenten verfügbar sind.
Bei Verkehrsmitteln aber gab es das noch nicht. Dabei müsste es doch eigentlich ganz einfach sein, die vorhandenen Informationssysteme miteinander zu kombinieren: die Fahrpläne von Bahn und Nahverkehrsbetrieben, die Informationen über die Verkehrssituation auf den Straßen, die Standplätze von Taxis und Stattautos, und das alles noch mit den jeweiligen Preisen und der jeweiligen Öko-Bilanz gekoppelt. Das würde zwar nicht ganz einfach sein. Aber hatten sie in seiner Ortsgruppe des VCD, des ökologischen Pendants zum VCD, nicht gerade erst darüber gesprochen, dass es an der Zeit wäre, mal etwas Großes, Nutzwertiges und Sinnvolles zu unternehmen, um nicht völlig in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden? Wenn die Menschen da draußen erst einmal erfahren würden, wie teuer, wie unökologisch und wie langsam das Auto im Stadtverkehr ist, und wenn sie gleichzeitig sehen könnten, welche Alternativen es gibt - dann würden sie doch garantiert ihren Wagen in der Garage stehen lassen.
Gemeinsam würde man das Projekt bestimmt stemmen können. Vor allem, wo er, Heinzl, als nicht gerade großartig ausgelasteter Verkehrsplaner besonders viel Eigenarbeit beisteuern würde. Also stellte er das Projekt seinen VCD-Kollegen vor, und erntete begeisterte Zustimmung. Genau die richtige Idee - das machen wir!
Aus einer Mücke ein Elefant.
In den Folgemonaten musste der
Ixat-Initiator allerdings schmerzlich erkennen, dass begeisterte
Zustimmung noch nicht unbedingt tatkräftige Mitarbeit bedeutet.
Der anfängliche Enthusiasmus ließ sehr schnell nach, als es
tatsächlich darum ging, in das Projekt Arbeit zu stecken. "Am
Ende blieb fast alles an mir hängen", resümiert Heinzl. Nicht
einmal für die Mitarbeit in der Auskunftserteilung waren die
VCDler zu mobilisieren, so dass Heinzl sehr schnell auf externe
Call-Center zurückgreifen musste, als das so mühselig erarbeitete
Datenbanksystem tatsächlich von Kunden genutzt wurde.
Das kollektive Projekt wurde so zu seinem ganz
individuellen Start-up. Und je stärker Ixat genutzt wurde, desto
mehr wuchs der Laden Heinzl über den Kopf. Sowohl organisatorisch
als auch finanziell: Die Kostenrechnung war noch nie seine Stärke
gewesen. Einzig ein Kooperationsvertrag mit Stattauto hielt Ixat
in dieser Anfangsphase über Wasser: Die Carsharer versprachen
sich von dem System neue Kunden sowie einen besseren Service -
schließlich gab Ixat automatisch an, wo sich gerade der
nächstgelegene Stattauto-Stellplatz befand.
Diese Einnahmen reichten aber bei weitem noch nicht aus, um
die laufenden Kosten des Unternehmens zu decken. Deshalb war
Heinzl ganz froh, als ihm im April 2009 Hanno Hoffmann 99 Prozent
der Ixat GmbH abkaufte. "Gemessen an den Umsätzen, die das
Unternehmen damals machte, waren 250.000 Euro ein mehr als fairer
Preis. Das waren 100.000 mehr, als ich selbst hineingesteckt
hatte. So viel hatte ich noch nie in so kurzer Zeit verdient. Und
danach kam es ja noch besser." Stimmt. Als Hoffmann wiederum 18
Monate später die Ixat AG an Vodafonica verkaufte, erhielt Heinzl
für das ihm noch verbliebene Prozent satte 1,7 Millionen Euro -
eben ein Prozent des Verkaufspreises von 170 Millionen Euro.
Natürlich war Ixat zu diesem Zeitpunkt schon längst keine
ökopädagogische Amateurveranstaltung mehr. Hoffmann hatte das
"Unified Mobilizing" zu einem Convenience-Produkt der
Handy-Generation weiterentwickelt. Der Kölner Unternehmensberater
verband genau wie Heinzl mit Ixat eine fixe Idee - nur war sie
eben nicht so puritanisch. Sondern ganz im Gegenteil: "Ich hatte
immer eine Szene vor Augen", erinnert sich der heute 58-Jährige.
"Er und Sie kommen aus der Disco. Er fragt: Zu dir oder zu mir?
Sie kramt in ihrer Tasche, tippt kurz auf ihrem Handy und
antwortet: Bis zu mir sind es zwölf Minuten weniger."
Im Oktober 2009 gelang es ihm, genau diese Szene in eine
Folge der TV-Serie "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten"
einzuschleusen. Auch bei allen drei damals laufenden Telenovelas
tauchten in jenem Monat Szenen auf, in denen einer der
Protagonisten sich über sein Handy solche Informationen holte.
Hoffmann hatte damit clever eine Marktlücke genutzt: "Bei allen
Sendern waren 2006 die Richtlinien für Product Placement
verschärft worden. Aber diese Regeln gelten ja nur, wenn Produkte
tatsächlich platziert werden. In diesen Fällen ist kein einziges
Mal der Name Ixat gefallen - und wo kein Produkt auftaucht, kann
es sich ja auch nicht um Product Placement handeln."
Der beabsichtigte Nebeneffekt dieses Undercover-Marketings
trat ein. In ganz Deutschland rätselten die vorwiegend
jugendlichen Serienzuschauer, was für ein geheimnisvolles System
da benutzt worden war. Und als sie es herausgefunden hatten,
probierten sie es natürlich aus. Und wenn sie damit zufrieden
waren, nutzten sie es auch weiter. Binnen weniger Monate wurde
Ixat zum meistgenutzten Mehrwertdienst im deutschen
Mobilfunkmarkt.
Hoffmann wollte die Gunst der frisch gewonnen Popularität
nutzen, um Ixat an die Börse zu bringen. Für die nötige
Kursfantasie sorgte eine Kooperation mit den Berliner
Verkehrsbetrieben, durch die Ixat auch den Fahrkartenverkauf per
Handy abwickeln konnte - der erste Schritt auf dem Weg zum
universellen Mobilitätsanbieter. Aber als die
170-Millionen-Offerte von Vodafonica auf den Tisch flatterte,
blies er den Börsengang leichten Herzens ab. "Natürlich war Ixat
so viel wert", sagt er heute grinsend, "sonst hätte Vodafonica
wohl kaum so viel dafür gezahlt."
Und in der Tat war Ixat im Oktober 2010 genau das, was der
frisch aus Vodafone und Telefonica zusammenfusionierte
Mobilfunkgigant brauchte. Denn die neue Nummer 1 der deutschen
Handynetzbetreiber wollte mit harten Bandagen zum
Verdrängungswettbewerb gegen T-Mobile antreten. Und den rosa
Riesen, so das Kalkül, würde es empfindlich treffen, wenn ein so
cooles, jugendaffines Produkt wie Ixat in Zukunft nur noch von
Vodafonica-Kunden genutzt werden könnte. Dafür musste jedes
Mittel, und fast jeder Preis, recht sein.
Kommerziell ist dieses Kalkül bekanntlich noch nicht
aufgegangen. Aufgrund einer Einstweiligen Verfügung, die T-Mobile
bei der Europäischen Kartellbehörde einreichte, muss Ixat bis auf
weiteres für Kunden aus allen Handynetzen erreichbar sein.
Hoffmann kann das egal sein. Und Herbert Heinzl ist es sogar sehr
recht. Denn der Gedanke, dass der eine Großkonzern seine Idee
dafür benutzen will, um den anderen Großkonzern vom Markt zu
fegen, behagt ihm überhaupt nicht: "Jeder im Land soll Ixat
benutzen dürfen. Es darf ja auch jeder Taxi fahren."
Detlef Gürtler ist freier Publizist und Buchautor. Er lebt und arbeitet in Marbella und Berlin.
Mit einer Illustration von Limo Lechner.
© changeX [11.05.2006] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.
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