Wir erfinden!
Eine changeX-Serie in 12 Folgen. Jeden Donnerstag neu.
| Folge 12 und Ende: Ixat |
Von Detlef Gürtler
Nach "Wir kündigen!" und "Wir fragen!" kommt jetzt "Wir erfinden!". Zwölf Innovationen aus den nächsten zehn Jahren, die unser Leben und Arbeiten leichter, reicher, spannender, erfolgreicher und sinnvoller machen. Achtung: Alles, was Sie jetzt lesen, ist erstunken und erlogen! Oder nicht? Heute: Ixat oder Mobilitätsberatung in Echtzeit. Wie's funktioniert? In Sekundenschnelle erhält man Informationen aufs Handy oder Laptop, wie man am bequemsten, schnellsten, billigsten und ökologischsten von A nach B kommt. Egal mit welchem Verkehrsmittel.
Illustration von Limo LechnerMan geht wohl nicht fehl, Herbert Heinzl als Sonderling zu bezeichnen. Wenn er überhaupt einmal Auto fährt, hält er sich strikt an das von ihm für sinnvoll erachtete Tempolimit 30/80/100. Bei zwei Fahrspuren fährt er grundsätzlich auf der rechten Spur so weit links wie möglich - damit rechts genug Platz für Fahrräder bleibt, und damit die Wagen auf der Überholspur durch die optische Verengung zum Langsamfahren angehalten werden. Sein Traumjob wäre es gewesen, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr, irgendwo in Europa Tempo-30-Zonen einzurichten.
Aber weil es nicht so viele Stadtverwaltungen gab, die seiner Firma mit dem wohlklingenden Namen "Europäische Verkehrsoptimierung" (EVO) den entsprechenden Auftrag gaben, musste sich Heinzls EVO als One-Man-Show durchs Geschäftsleben schlagen: hier eine Verkehrszählung, da eine Fahrplan-Optimierung, und mit viel Glück auch mal irgendein Unterauftrag beim Aufbau eines neuen Verkehrsverbundes oder einer neuen Straßenbahntrasse.
Vielleicht musste so ein Sonderling daherkommen, um den gesamten Stadtverkehr von Grund auf zu revolutionieren. Denn nichts weniger verbirgt sich hinter den vier Buchstaben "Ixat", die sich Heinzl im September 2008 schützen ließ - und pünktlich zum ersten verkaufsoffenen Adventsamstag auf den Markt brachte. Im Verkaufsprospekt für den eigentlich für Oktober 2010 geplanten Ixat-Börsengang wurde das damals neu erfundene Geschäftsfeld als "Unified Mobilizing" bezeichnet; in Heinzls erstem Businessplan vom Herbst 2008 hatte er die Idee noch "Mobilitätsberatung in Echtzeit" genannt.
Der Grundgedanke ist bestechend einfach. Der Kunde gibt bei Ixat an, wo er hin möchte und bekommt innerhalb von Sekunden vier Wege zu seinem Ziel geliefert: den schnellsten, den bequemsten, den billigsten und den ökologischsten. Natürlich ist der Vorgang in der Realität etwas komplexer - je nachdem, ob der Kunde direkt lokalisierbar ist (nur für angemeldete User via Handy oder WLan) oder nicht, ob er das Ziel sofort oder erst später ansteuern möchte, ob alleine oder mit anderen zusammen, ob mit Gepäck oder ohne, müssen die Operatoren beziehungsweise die Software entsprechend unterschiedlich disponieren. Zudem sind einige Verkehrsmittel nur für dort registrierte Kunden zugänglich, etwa die Stattauto-Wagen oder die Fahrräder der Deutschen Bahn.
Die Idee für das Projekt sowie für den anfangs etwas gewöhnungsbedürftigen Namen hatte Herbert Heinzl bei einem Spanien-Urlaub. Er fand es putzig, dass Abkürzungen bei Spaniern praktisch grundsätzlich umgekehrt geschrieben werden: OTAN statt NATO, PIB statt BIP, UE statt EU. Sogar "Hallo" heißt dort "Hola". Also müsste "Hallo Taxi" auf Spanisch "Hola Ixat" heißen. Und dann fing er an nachzudenken: Ixat, das wäre das Gegenteil von Taxi - oder vielleicht einfach nur das Taxi-Prinzip auf den Kopf gestellt. Taxi steht für ein Verkehrsmittel, das jederzeit individuell verfügbar ist. Dann könnte Ixat dafür stehen, dass alle Verkehrsmittel jederzeit individuell verfügbar sind. So wie bei Produkt-Suchmaschinen im Internet ja auch alle Anbieter gleichzeitig für den Interessenten verfügbar sind.
Bei Verkehrsmitteln aber gab es das noch nicht. Dabei müsste es doch eigentlich ganz einfach sein, die vorhandenen Informationssysteme miteinander zu kombinieren: die Fahrpläne von Bahn und Nahverkehrsbetrieben, die Informationen über die Verkehrssituation auf den Straßen, die Standplätze von Taxis und Stattautos, und das alles noch mit den jeweiligen Preisen und der jeweiligen Öko-Bilanz gekoppelt. Das würde zwar nicht ganz einfach sein. Aber hatten sie in seiner Ortsgruppe des VCD, des ökologischen Pendants zum VCD, nicht gerade erst darüber gesprochen, dass es an der Zeit wäre, mal etwas Großes, Nutzwertiges und Sinnvolles zu unternehmen, um nicht völlig in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden? Wenn die Menschen da draußen erst einmal erfahren würden, wie teuer, wie unökologisch und wie langsam das Auto im Stadtverkehr ist, und wenn sie gleichzeitig sehen könnten, welche Alternativen es gibt - dann würden sie doch garantiert ihren Wagen in der Garage stehen lassen.
Gemeinsam würde man das Projekt bestimmt stemmen können. Vor allem, wo er, Heinzl, als nicht gerade großartig ausgelasteter Verkehrsplaner besonders viel Eigenarbeit beisteuern würde. Also stellte er das Projekt seinen VCD-Kollegen vor, und erntete begeisterte Zustimmung. Genau die richtige Idee - das machen wir!

Aus einer Mücke ein Elefant.


In den Folgemonaten musste der Ixat-Initiator allerdings schmerzlich erkennen, dass begeisterte Zustimmung noch nicht unbedingt tatkräftige Mitarbeit bedeutet. Der anfängliche Enthusiasmus ließ sehr schnell nach, als es tatsächlich darum ging, in das Projekt Arbeit zu stecken. "Am Ende blieb fast alles an mir hängen", resümiert Heinzl. Nicht einmal für die Mitarbeit in der Auskunftserteilung waren die VCDler zu mobilisieren, so dass Heinzl sehr schnell auf externe Call-Center zurückgreifen musste, als das so mühselig erarbeitete Datenbanksystem tatsächlich von Kunden genutzt wurde.
Das kollektive Projekt wurde so zu seinem ganz individuellen Start-up. Und je stärker Ixat genutzt wurde, desto mehr wuchs der Laden Heinzl über den Kopf. Sowohl organisatorisch als auch finanziell: Die Kostenrechnung war noch nie seine Stärke gewesen. Einzig ein Kooperationsvertrag mit Stattauto hielt Ixat in dieser Anfangsphase über Wasser: Die Carsharer versprachen sich von dem System neue Kunden sowie einen besseren Service - schließlich gab Ixat automatisch an, wo sich gerade der nächstgelegene Stattauto-Stellplatz befand.
Diese Einnahmen reichten aber bei weitem noch nicht aus, um die laufenden Kosten des Unternehmens zu decken. Deshalb war Heinzl ganz froh, als ihm im April 2009 Hanno Hoffmann 99 Prozent der Ixat GmbH abkaufte. "Gemessen an den Umsätzen, die das Unternehmen damals machte, waren 250.000 Euro ein mehr als fairer Preis. Das waren 100.000 mehr, als ich selbst hineingesteckt hatte. So viel hatte ich noch nie in so kurzer Zeit verdient. Und danach kam es ja noch besser." Stimmt. Als Hoffmann wiederum 18 Monate später die Ixat AG an Vodafonica verkaufte, erhielt Heinzl für das ihm noch verbliebene Prozent satte 1,7 Millionen Euro - eben ein Prozent des Verkaufspreises von 170 Millionen Euro.
Natürlich war Ixat zu diesem Zeitpunkt schon längst keine ökopädagogische Amateurveranstaltung mehr. Hoffmann hatte das "Unified Mobilizing" zu einem Convenience-Produkt der Handy-Generation weiterentwickelt. Der Kölner Unternehmensberater verband genau wie Heinzl mit Ixat eine fixe Idee - nur war sie eben nicht so puritanisch. Sondern ganz im Gegenteil: "Ich hatte immer eine Szene vor Augen", erinnert sich der heute 58-Jährige. "Er und Sie kommen aus der Disco. Er fragt: Zu dir oder zu mir? Sie kramt in ihrer Tasche, tippt kurz auf ihrem Handy und antwortet: Bis zu mir sind es zwölf Minuten weniger."
Im Oktober 2009 gelang es ihm, genau diese Szene in eine Folge der TV-Serie "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" einzuschleusen. Auch bei allen drei damals laufenden Telenovelas tauchten in jenem Monat Szenen auf, in denen einer der Protagonisten sich über sein Handy solche Informationen holte. Hoffmann hatte damit clever eine Marktlücke genutzt: "Bei allen Sendern waren 2006 die Richtlinien für Product Placement verschärft worden. Aber diese Regeln gelten ja nur, wenn Produkte tatsächlich platziert werden. In diesen Fällen ist kein einziges Mal der Name Ixat gefallen - und wo kein Produkt auftaucht, kann es sich ja auch nicht um Product Placement handeln."
Der beabsichtigte Nebeneffekt dieses Undercover-Marketings trat ein. In ganz Deutschland rätselten die vorwiegend jugendlichen Serienzuschauer, was für ein geheimnisvolles System da benutzt worden war. Und als sie es herausgefunden hatten, probierten sie es natürlich aus. Und wenn sie damit zufrieden waren, nutzten sie es auch weiter. Binnen weniger Monate wurde Ixat zum meistgenutzten Mehrwertdienst im deutschen Mobilfunkmarkt.
Hoffmann wollte die Gunst der frisch gewonnen Popularität nutzen, um Ixat an die Börse zu bringen. Für die nötige Kursfantasie sorgte eine Kooperation mit den Berliner Verkehrsbetrieben, durch die Ixat auch den Fahrkartenverkauf per Handy abwickeln konnte - der erste Schritt auf dem Weg zum universellen Mobilitätsanbieter. Aber als die 170-Millionen-Offerte von Vodafonica auf den Tisch flatterte, blies er den Börsengang leichten Herzens ab. "Natürlich war Ixat so viel wert", sagt er heute grinsend, "sonst hätte Vodafonica wohl kaum so viel dafür gezahlt."
Und in der Tat war Ixat im Oktober 2010 genau das, was der frisch aus Vodafone und Telefonica zusammenfusionierte Mobilfunkgigant brauchte. Denn die neue Nummer 1 der deutschen Handynetzbetreiber wollte mit harten Bandagen zum Verdrängungswettbewerb gegen T-Mobile antreten. Und den rosa Riesen, so das Kalkül, würde es empfindlich treffen, wenn ein so cooles, jugendaffines Produkt wie Ixat in Zukunft nur noch von Vodafonica-Kunden genutzt werden könnte. Dafür musste jedes Mittel, und fast jeder Preis, recht sein.
Kommerziell ist dieses Kalkül bekanntlich noch nicht aufgegangen. Aufgrund einer Einstweiligen Verfügung, die T-Mobile bei der Europäischen Kartellbehörde einreichte, muss Ixat bis auf weiteres für Kunden aus allen Handynetzen erreichbar sein. Hoffmann kann das egal sein. Und Herbert Heinzl ist es sogar sehr recht. Denn der Gedanke, dass der eine Großkonzern seine Idee dafür benutzen will, um den anderen Großkonzern vom Markt zu fegen, behagt ihm überhaupt nicht: "Jeder im Land soll Ixat benutzen dürfen. Es darf ja auch jeder Taxi fahren."

Detlef Gürtler ist freier Publizist und Buchautor. Er lebt und arbeitet in Marbella und Berlin.

Mit einer Illustration von Limo Lechner.

© changeX [11.05.2006] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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