| Folge 3: Der iBuck|
"Justice. At last." So überschrieb Forbes den Sieg des charismatischen Apple-Kreativen über das Microsoft-Monster. Wobei allerdings wieder einmal das Geld der Gerechtigkeit zum Sieg verholfen hatte. Denn mit iMac, iPod und Pixar allein hätte Jobs es allenfalls knapp in die Top Ten der Geldrangliste geschafft. Den großen Sprung nach vorne bescherten ihm die iBucks - die Neuerfindung des Geldes.
Im Grund war es genau das gleiche Schema, mit dem Apple schon beim Musik-Download Erfolg hatte. Jobs' Unternehmen hatte es geschafft, einen schlichten MP3-Player mit coolem Design und verdreifachtem Preis zum "iPod" zu adeln und damit ganz nebenbei der lachende Dritte im Groß-Konflikt um den Musikmarkt im Internet zu werden. Die Musikkonzerne meinten, das Geschäft müssten sie machen, weil sie im Besitz der Rechte an den Musikstücken sind und nun mal als Kernkompetenz das Verkaufen von Musik haben. Die Telekom-Konzerne meinten, dass ihnen das Geschäft gehören sollte, schließlich laufen die Downloads der Kunden über ihre Online- oder Mobilfunkzugänge. Beide gemeinsam wurden in die Zange genommen von Raubload-Services wie Napster oder Gnutella, bei denen die Musik umsonst zu haben war. Und an allen zusammen zogen Apples "iTunes" vorbei - mit dem ersten wirklich funktionierenden Geschäftsmodell der Branche.
Steve Jobs hatte als Erster begriffen, dass viele Menschen in aller Welt durchaus bereit waren, für den Download von Musik zu zahlen; solange es einfach funktionierte und nicht zu teuer war. Er sah und gestaltete den Markt aus der Kundenperspektive. Und genau das gleiche Kunststück gelang ihm 2007 mit dem Markt für Cyberpayment, also dem Bezahlen via Internet oder Handy. Auch dort blockierten sich zwei Giganten-Branchen gegenseitig: die Kommunikations- und die Finanzdienstleister, also die Telekom-Konzerne und die Banken: Die Telekoms gingen davon aus, dass das Bezahlen via Handy über sie abgewickelt wird, da sie die Kundenbasis liefern. Die Banken hingegen pochten auf ihre weit intensivere - und intimere - Beziehung zu ihren Kunden, und auf die größere Erfahrung im sensiblen Umgang mit Geld. Die Konsequenz: Das Cyberpayment kam überhaupt nicht vom Fleck.
Diesen gordischen Knoten zerschlug Steve Jobs am 1. April 2007. Auf der Party zum 30. Geburtstag des legendären Apple-II-PCs präsentierte er "iBucks - the money for the rest of us". Dabei sah das Produkt, das er dabei in der Hand hielt, nicht wirklich nach Geld aus: ein Stück Plastik in Tropfenform, mit Speicherchip im Herzen und einem USB-Anschluss an der Spitze - also äußerlich nicht mehr als ein ungewöhnlich designter USB-Stick. Aber eben mit einer ganz neuen Funktion. So, wie iTunes Musik auf den iPod lädt, lädt iBucks Geld auf den Tropfen. Und damit kann man theoretisch überall dort bezahlen, wo ein USB-Anschluss vorhanden ist - also überall.
Und damit allen Zuschauern auch gleich klar werden sollte, dass es sich hier nicht um eine spinnerte Design-Idee handelte, sondern um einen ernsthaften Einstieg in das Geschäft mit dem Zahlungsverkehr, holte Jobs gleich noch zwei alte Bekannte mit auf die Bühne: Amazon-Chef Jeff Bezos und eBay-Chefin Meg Whitman. Die beiden größten Online-Händler der Welt lobten Apples Vorstoß in den höchsten Tönen: Endlich gebe es für den spontanen Käufer auch ein genauso spontanes Zahlungsmittel. Beide kündigten an, dass man ab sofort bei ihnen mit iBucks bezahlen könne.
Was danach folgte, ist mittlerweile Technikgeschichte. Wie eine Sintflut haben die Apple-Tropfen den Online-Handel und das Mobile Payment überrollt. Insbesondere im Micro-Payment-Bereich haben die iBucks alle Konkurrenten zur Bedeutungslosigkeit verdammt - denn für alle Beträge im Cent-Bereich waren die bislang verfügbaren Zahlungssysteme schlicht zu teuer. Und die Bereitschaft der Kunden, dem Händler ihre Bank- oder Kreditkartendaten zur Verfügung zu stellen, sank bislang schon bei Rechnungsbeträgen unter zehn Euro dramatisch ab. Mit dem neuen Geld ist dieses Problem gelöst: Der Händler bekommt das Geld, das ihm zusteht - und keine weiteren Kundendaten. Und weil er keine Gebühren an Apple zahlen muss, bekommt er sein Geld ohne Abzüge.
Für den Tropfen, der von Apple auf den Namen iDrop getauft wurde, hat sich mittlerweile der Name iPig oder schlicht "Schweinchen" durchgesetzt; wegen der leicht schweineähnlichen Silhouette, in Anlehnung an das gute alte Sparschwein, und ein wenig auch wegen des Schweinegeldes, das Apple mit diesem Zahlungssystem verdient. Auch wenn für jede Aufladung nur ein Viertelprozent Provision abgezogen wird, haben Apples Einnahmen hieraus bereits im Jahr 2008 die Milliardengrenze überschritten. Schade, Deutsche Telekom! Und schade, Deutsche Bank! Das Geschäft mit dem Zahlungsverkehr ist nicht weg - es hat jetzt bloß ein anderer.
Im praktischen Umgang mit den iBucks erweist es sich häufig als etwas umständlich, dass die Geldschweinchen nur bei Apple aufladbar sind. Aber das Unternehmen sperrt sich vehement dagegen, das System beim Aufladen genauso offen zu gestalten wie beim Ausgeben. Dafür gibt es gewichtige Sicherheitsgründe - die Missbrauchsrisiken steigen exponentiell mit der Zahl der Auflade-Möglichkeiten. Und wie jedes andere Geld sind auch die iBucks darauf angewiesen, dass alle Nutzer dieser Währung vertrauen können.
iBucks-Marketingleiter Soren Sundqvist nennt noch einen weiteren Grund für diese rigide Politik: "Auf diese Weise kriegen wir keinen Stress mit den Zentralbanken." Stress ist fein ausgedrückt für die Probleme, in die eine frei vagabundierende iBucks-Währung geführt hätte. Schließlich verfügen die Zentralbanken über das Gelddruck-Monopol - unkontrollierbare iBucks hätten dieses Monopol untergraben und wären deshalb unweigerlich verboten worden.
So hingegen handelt es sich bei den iPigs rein rechtlich um nichts anderes als die gute alte - und nicht sonderlich verbreitete - Geldkarte. Ein fester Geldbetrag wandert vom Konto auf den Chip und kann dort ausgegeben werden. Anders als die Geldkarte kann das Schweinchen aber nicht nur Geld ausgeben, sondern sich auch merken, wann wie viel Geld wohin geflossen ist. Auf diese Weise kann sich jeder iBucks-Nutzer an seinem heimischen PC auf Knopfdruck sein eigenes Kassenbuch erstellen beziehungsweise aktualisieren lassen.
Das Bundesfinanzministerium hat deshalb im vergangenen September ein Gutachten in Auftrag gegeben, das klären soll, ob, und wenn ja, unter welchen Bedingungen die iBucks-Kassenbücher bei der Steuererklärung anerkannt werden können. Mit einer Entscheidung ist jedoch nicht mehr in dieser Legislaturperiode zu rechnen. Der Bundesverband der Steuerberater empfiehlt angesichts dieser unklaren Situation, für alle beruflich veranlassten Ausgaben ein gesondertes Kassenbuch anzulegen. So dass es in manchen Geschäften heute schon heißt: "Wie möchten Sie bezahlen? Mit Ihrem Privatschweinchen oder mit Ihrem Dienstschweinchen?"
changeX 09.03.2006. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.
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Detlef GürtlerDetlef Gürtler ist freier Publizist und Buchautor. Er lebt und arbeitet in Marbella und Berlin.
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