Wir erfinden!
Eine changeX-Serie in 12 Folgen. Jeden Donnerstag neu.
| Folge 4: Die Schule der Nationen |
Von Detlef Gürtler
Nach "Wir kündigen!" und "Wir fragen!" kommt jetzt "Wir erfinden!". Zwölf Innovationen aus den nächsten zehn Jahren, die unser Leben und Arbeiten leichter, reicher, spannender, erfolgreicher und sinnvoller machen. Achtung: Alles, was Sie jetzt lesen, ist erstunken und erlogen! Oder nicht? Heute: Die Schule der Nationen auf dem Berliner Flughafen Tempelhof, ein internationales Schulkonzept für alle Lehrer, Schüler und Eltern, die der grauen Monotonie der konventionellen Massenschule entfliehen wollen.
Illustration von Limo LechnerWie viele Menschen haben in den vergangenen Jahrzehnten die Anlagen des Flughafens Tempelhof bewundert? Und wie viele Menschen haben sich gefragt, was die deutsche Hauptstadt wohl mit diesem architektonischen Kleinod anstellen würde - und mit den paar Quadratkilometern Fläche noch dazu, die zum Gelände dazugehören? Hätte man nach der Entscheidung für den neuen Großflughafen Berlin-Schönefeld all diese Menschen wetten lassen, was denn aus Tempelhof werden würde, auf die richtige Antwort wäre wohl keiner gekommen. Wo hätte es das denn schon einmal gegeben, dass ein ausgedienter Flughafen in eine Schule umgebaut wird?! Und wäre Klemens Korsten nicht gewesen, so hätte es das wohl auch in Berlin nicht gegeben. Der heute 38-jährige aus Freiburg stammende Wahlberliner hatte Ende 2005 sein "Erweckungserlebnis", als er anlässlich einer Verkaufsausstellung für polnische Produkte durch die Hangars des Flughafens spazierte und schließlich in der noch immer in Betrieb befindlichen Abflughalle landete. Deren Anblick löste bei Korsten eine fünfgliedrige Gedankenkette aus: Das wäre eine wunderschöne Aula - dafür müsste man aus dem Flughafen eine Schule machen - aber welche Schule macht man aus dem Flughafen Tempelhof - die beste Schule der Welt natürlich - oder gleich die besten Schulen, der Platz reicht bestimmt für ein halbes Dutzend davon.
Schon am gleichen Tag musste sich Korsten nach einem ersten Blick ins Lexikon korrigieren: Die Bruttogeschossfläche des Flughafengebäudes würde mit 284.000 Quadratmetern auch für mehrere Dutzend Schulen ausreichen. Wollte man etwa zehn bis zwölf Schulen dort einrichten, würde man alle als Internat führen können, und könnte dann sogar immer noch einen Flugbetrieb aufrechterhalten - zwar nicht mehr als Verkehrsflughafen, aber doch für Privatmaschinen.
Mit dieser zweiten Gedankenkette war dann bereits im Dezember 2005 das Nutzungskonzept fix und fertig, das Korsten fünf Jahre später, zu Beginn des Schuljahres 2010/11, in die Tat umsetzen konnte. Den linken Gebäudeteil belegt seither die "Schule der Nation" - ein Strauß von einem halben Dutzend Spezialschulen, mit fachlichen Schwerpunkten auf Mathematik, Naturwissenschaften, Musik, Sprachen und Philosophie sowie eine Sonder-Schule für Hochbegabte. Auf dem rechten Flügel dagegen entstand die "Schule der Nationen". Dort gibt es eine englische, eine amerikanische, eine französische, eine russische, eine spanische, eine portugiesische und selbstverständlich eine chinesische Schule, alle mit Internat.
Genau in der Mitte des Gebäudes, und damit zwischen dem deutschen und dem internationalen Flügel, befindet sich noch immer die beeindruckende ehemalige Abflughalle des Flughafens. Sie ist zur Aula umgebaut worden - die verschiedenen Schulen vor Ort müssen sich allerdings bei der Terminplanung für ihre großen Veranstaltungen absprechen.
Mit ungläubigem Staunen verfolgten die Berliner im Sommer 2010, wer da alles seine Kinder für den Tempelhofer Campus anmeldete: Madonna und Brad Pitt, David Beckham und Stefanie Graf, Antonio Banderas und Heidi Klum, um nur die Bekanntesten zu nennen. Diesen Promi-Faktor verdankt die Schule natürlich nicht zuletzt dem Flughafen. Seit 2010 ist er zwar für Verkehrsflugzeuge geschlossen, aber dafür als Privatflughafen an das Schulzentrum verpachtet. Die Schulleitung erlaubt seither nur noch Sportflugzeugen die Landung, in denen mindestens ein Schüler oder ein Erziehungsberechtigter eines Schülers sitzt. Das hat natürlich mit dazu beigetragen, von Beginn an die Reichen, Schönen und Mächtigen als Kunden für die Tempelhofer Schule zu gewinnen. Als "Internat mit angeschlossenem Landeplatz" fand die neue Einrichtung Eingang in die Klatschmagazine in aller Welt - und konnte sich vor Anmeldungen kaum retten.
Korsten jedoch möchte den Flughafen als Erfolgsfaktor seines Schulkonzepts nicht überbewerten: "Ambiente und Drumherum sind die Kür, aber ein qualitativ hochwertiges Bildungsangebot ist die Pflicht." Alleine mit den jede Woche einfliegenden Internatskindern wäre die kritische Masse für die Schule der Nationen gar nicht zu erreichen. Mehr als drei Viertel der derzeit 3.400 Schüler kommen denn auch aus Berlin selbst. Hierbei macht sich allerdings der zweite Magnet-Effekt der Schule deutlich bemerkbar: Einige hundert Familien sind nämlich extra in den vergangenen drei Jahren nach Berlin gezogen, um einem oder mehreren ihrer Kinder den Besuch der Tempelhofer Eliteschulen zu ermöglichen.
"Monatelang habe ich mir bei den Politikern den Mund fusslig geredet", erinnert sich Korsten an seinen ersten Gründungsversuch im Jahr 2007. Sein zentrales Argument war das standortpolitische: "Wenn es die richtigen Schulen gibt, kommen auch die richtigen Menschen nach Berlin. Und wenn die richtigen Menschen kommen, kommen Arbeitsplätze und Steuereinnahmen ganz von alleine." Aber das wollte ihm keiner glauben. Nachdem direkt vorher mit Schering auch noch der letzte in der Stadt ansässige Großkonzern wegfusioniert worden war, zerflossen die Berliner Lokalpolitiker - und ihre Wähler - lieber in Selbstmitleid, als einen Neuanfang zu versuchen.
Doch die vorgezogenen Neuwahlen von 2009 boten Korsten noch eine zweite Chance. Schließlich hatte die Linkspartei die Koalition mit der SPD platzen lassen, weil die Sozialdemokraten das Flughafengelände für 350 Millionen Dollar an einen kalifornischen Finanzinvestor verkaufen wollten; die Linkspartei dagegen hatte gefordert, nach der Einstellung des Flugbetriebs den Zoologischen Garten nach Tempelhof zu verlegen. Eine wirklich gute, eine wirklich andere Idee für den Flughafen konnte in dieser Situation wahlentscheidend sein, kalkulierte Korsten - und gewann den CDU-Spitzenkandidaten Friedbert Pflüger für seine Idee. Mit "Humboldt II statt Hartz IV" machte Pflüger dann im Wahlkampf die entscheidenden Stimmen gut, und setzte sich nach seiner Wahl zum Regierenden Bürgermeister an die Spitze der Neuschul-Bewegung.
Angesichts der katastrophalen Finanzlage Berlins war klar, dass ein Investitionsprojekt dieser Größe nicht allein aus der Stadtkasse finanziert werden konnte. Über einen Trägerverein beteiligten sich Bund, diverse Stiftungen sowie die ehemaligen Besatzungsmächte Berlins an den Umbaukosten von 66 Millionen Euro. "Wenn man so viele Spezialschulen auf einmal gründet, kann man dafür auch sehr viele Fördertöpfe anzapfen", gesteht Korsten freimütig. Der laufende Betrieb der öffentlichen Schulen sei jedenfalls für die Stadt mit nicht mehr Kosten verbunden, als sie auch andere Schulen mit gleicher Schülerzahl verursachen. Für Kinder, die im Internat untergebracht sind, werden 420 Euro pro Monat für Kost und Logis fällig, Schulgebühren hingegen werden von keiner der Schulen im deutschen Flügel erhoben. Bei den internationalen Schulen sehen die Finanzierungsmodelle zum Teil anders aus.
Nachdem die anfängliche Investitionsphase weitgehend abgeschlossen ist, besteht die Hauptaufgabe der zentralen Leitung des Geländes nunmehr in der Organisation des Zusammenlebens der doch sehr unterschiedlichen Schulen und Schulsysteme. Von großer Bedeutung für alle Seiten ist dabei der funktionierende Austausch zwischen dem deutschen und dem internationalen Flügel. Dadurch können jederzeit "Sprachreisen" und Schüleraustauschprogramme veranstaltet werden, ohne sich dafür weiter als zwei Flure entfernen zu müssen. Bei Sportveranstaltungen sowie bei Wettbewerben wie "Jugend musiziert" ergeben sich weitere Möglichkeiten des gegenseitigen Austauschs.
Trotz der noch immer starken Unterstützung durch Bürgermeister Pflüger haben die Verantwortlichen um Klemens Korsten die Befürchtung, dass die Einrichtung den Kontakt zu ihrem Umland verlieren könnte. "Wenn der Berliner nüscht von det Janze mitbekommt, schimpft er schnell, warum die da oben für so wat Jeld ham", sagt PR-Leiterin Karolin Kermer. Deshalb hat sie eine regelmäßige, für alle offene Einrichtung gegründet: den "Platz der Sprachbrücke". Er entsteht an jedem Wochenende rund um die "Hungerkralle", das Denkmal zur Erinnerung an die alliierte Luftbrücke nach Berlin. Bei diesem Budenzauber mit Flohmarktflair werden alle nur erdenklichen fremdsprachigen Angebote aufgeboten - vom Bücher-, Musik- und Videoverkauf über Kochkurse und Theaterstücke bis hin zu Debattierclubs. Ein positiver Nebeneffekt für die Schüler: Für ihre im Unterricht oder in Arbeitsgemeinschaften erarbeiteten Produkte und Projekte haben sie auf diese Weise regelmäßig eine Bühne - und einen Markt. "Ich habe noch nie eine Schule mit so gut gefüllten Klassenkassen erlebt", resümiert Kermer.
Detlef Gürtler ist freier Publizist und Buchautor. Er lebt und arbeitet in Marbella und Berlin.
Mit einer Illustration von Limo Lechner.
© changeX [16.03.2006] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Detlef Gürtler ist freier Publizist und Buchautor. Er lebt und arbeitet in Marbella und Berlin.

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