Wir erfinden!
Eine changeX-Serie in 12 Folgen. Jeden Donnerstag neu.
| Folge 6: Die Wikitelopedie |
Von Detlef Gürtler
Nach "Wir kündigen!" und "Wir fragen!" kommt jetzt "Wir erfinden!". Zwölf Innovationen aus den nächsten zehn Jahren, die unser Leben und Arbeiten leichter, reicher, spannender, erfolgreicher und sinnvoller machen. Achtung: Alles, was Sie jetzt lesen, ist erstunken und erlogen! Oder nicht? Heute: Die Wikitelopedie - ein Zukunftslexikon im Internet zu Ehren des verstorbenen polnischen Science-Fiction-Schriftstellers Stanislaw Lem.
Illustration von Limo LechnerEs war der 27. März 2006, um genau 18.11 Uhr, als Thomas Thalmann die Agenturmeldung über den Tod Stanislaw Lems las. Wie in solchen Fällen üblich, rief er den Wikipedia-Eintrag des Verstorbenen auf, stellte fest, dass noch niemand das Todesdatum eingetragen hatte, und wechselte in den Editiermodus, um die Seite zu aktualisieren. Bevor er die Änderung abschickte, klickte er noch einmal den Refresh-Button seines Browsers an - und tatsächlich, es war ihm jemand zuvorgekommen. Genau das, was er gerade hochladen wollte, hatte ein anderer einige Sekunden vor ihm ins Netz gehoben.
Fast ein wenig verärgert löschte Thalmann seine Änderungen. Nun würde der große Meister der Futurologie zu Grabe getragen werden, ohne dass er, Thomas Thalmann, ihm noch ein Andenken mit auf den letzten Weg geben konnte - und sei es auch so ein kleines, unbedeutendes wie zwei Zeilen in Wikipedia. Und wie sonst konnte er, ein 34-jähriger SAP-Programmierer aus Hirschberg bei Heidelberg bei Walldorf, dem 84-jährig dahingeschiedenen Schriftsteller für all die anregenden Stunden und Gedanken danken, die dieser ihm beschert hatte?
Er stöberte noch ein wenig in den Wikipedia-Einträgen zu Lem - und blieb beim Stichwort "Nihilartikel" hängen, einem Eintrag über frei erfundene Einträge in Lexika. Darin hieß es unter anderem: "Eine interessante Variante der Nihilartikel enthält eine von dem polnischen Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem verfasste Sammlung von Vorworten künftiger, noch ungeschriebener Bücher. Verfasst schon im Jahre 1971, beschreibt der Band Imaginäre Größe Bücher, die angeblich im Jahr 2009 bis 2029 erschienen sind. Am bemerkenswertesten ist das Vorwort zu Vestrands Extelopädie in 44 Magnetbänden aus dem Jahre 2011. In Zeiten lange vor PC und Public Internet ersonnen, klingen ihre Eigenschaften wie eine Vision der heutigen Wikipedia: Die permanente Aktualisierung, die weltweite Verbreitung und beständige Verbesserung sind in diesem fiktiven Vorwort schon recht treffend vorweggenommen."
Thalmann klickte Wikipedia zu und ging an sein Bücherregal. Irgendetwas fehlte in dieser Beschreibung von Vestrands Extelopädie, aber es fiel ihm nicht mehr ein - er würde nachlesen müssen. Wann hatte er Imaginäre Größe das letzte Mal in der Hand gehabt? Es musste weit vor der Erfindung von Wikipedia gewesen sein, sonst wäre ihm diese Parallele damals beim Lesen aufgefallen: Das kurzzeitige Flimmern der Buchstaben, wenn sich in der Extelopädie ein Beitrag aktualisierte, war schließlich ziemlich genau das, was ihm heute Abend auch passiert war. Aber wo hatte er das Buch damals einsortiert? Neben Summa technologiae, also auf dem Philosophie-Brett, in der Zukunftsabteilung neben dem Futurologischen Kongress oder in der Belletristik bei Solaris?
Am Ende fand Thalmann das Buch in der Biotech-Ecke. Jetzt erinnerte er sich wieder: Als er damals, irgendwann 1999 oder so, das Interview mit der Bakterien-Stressforscherin gelesen hatte, hatte er geschaut, ob Lems Kapitel über die Lern- und Kommunikationsfähigkeit von Bakterienkulturen eine ähnliche Richtung eingeschlagen hatte. Aber mit seiner damaligen "Eruntik" ist Lem unserer Zeit auch heute noch ein bis vier Jahrhunderte voraus.
Er blätterte sich durch, bis er bei dem persiflierten Werbetext für Vestrands Extelopädie angekommen war. Und dort fand er sie tatsächlich wieder, die aus heutiger Sicht geradezu Gänsehaut verursachende Beschreibung von dem Lexikon-Eintrag, der sich vor unseren Augen von selbst aktualisiert. Von so kleinlichen technischen Details abgesehen wie den heute etwas abgestanden klingenden Magnetbändern könnte man meinen, Wikipedia vor sich zu haben.
Aber dann stieß Thalmann in einem Satz gleich auf zwei große Unterschiede zwischen Lems damaliger Schöpfung und dem Wikipedia von heute: " Vestrands Extelopädie ist das garantierte Resultat einer menschenfreien, also auch fehlerfreien Arbeit unserer achtzehntausend Komfuter (futurologische Computer)." In Lems Vision erstellten also die Computer ein Lexikon all dessen, was erst noch kommt!
Mit der Autorenschaft der Computer wollte sich Thalmann nicht anfreunden. Wahrscheinlich arbeitete er dafür in seinem Büro in Walldorf viel zu lange an diesen leider immer noch entsetzlich dummen Kisten. Computer mochten zwar in der Lage sein, einen Lexikon-Eintrag mehr oder weniger automatisch zu aktualisieren, wenn die betreffende Person gerade verstorben war, oder ähnliche Hilfsdienste zu erledigen - aber das mit der inhaltlichen Machtübernahme, das würde schon noch einmal ein paar Jahrzehnte dauern.
Umso mehr faszinierte ihn die zweite Absonderlichkeit der Lem'schen Vision: das Zukunftslexikon. Das gab es zwar ebenfalls noch nicht - aber anders als bei den klugen Computern gab es in diesem Fall keinen sachlichen Grund dafür! Nichts interessiert Menschen und Unternehmen schließlich mehr als die Zukunft, und trotzdem gab es gerade mal ein paar mehr oder weniger kluge Trend- und Zukunftsforscher, die mit großem Gestus in ihre Kristallkugel blickten, nur um hinterher jederzeit begründen zu können, warum das mit der Zukunft dann doch ganz anders gekommen war, als sie es prophezeit hatten.
In seinem Haus in Krakau hatte Stanislaw Lem das großfuturologische Ihr werdet es erleben des amerikanischen Großfuturologen Herman Kahn im Bücherregal hinter einer Klorolle platziert. "Es ist alles ganz anders geworden, als Kahn sich das vorgestellt hat", hatte Lem 1998 einmal gesagt: "Die Kommunikation mit einer anderen Zivilisation im Weltall, die hat er in Betracht gezogen. Aber den Zerfall der Sowjetunion niemals." Das wäre Lem nie passiert. Der hatte beschrieben, wie die immer weiter fortschreitende Computerentwicklung eines Tages dazu führte, dass sich der Zentralcomputer der US Army bei einem Manöver weigerte, die Befehle des Generals auszuführen, da sie offensichtlich irrational seien.
Ob es eines Tages wirklich dazu kommen wird, ist nicht entscheidend. So, wie es für Thalmann auch nicht entscheidend ist, ob Computer uns eines Tages einmal die Zukunft vorhersagen - ihm wäre es ohnehin viel lieber, wenn wir selber die Vorhersagen übernähmen. Und wenn es die Extelopädie noch nicht so gab, wie Lem sie damals beschrieben hatte, wäre es jetzt, am 27. März 2006 um 22.37 Uhr, allerhöchste Zeit, damit anzufangen. Und zwar so, wie man heute Lexika macht. Also setzte sich Thomas Thalmann wieder an sein Notebook und startete sein eigenes Wiki-Projekt: www.wikitelopedia.org.
Die ersten Wochen waren wie ein Rausch. Bis zum Ende seines Osterurlaubs hatte Thalmann den textlichen Grundstock für die Wikitelopedie beisammen: Er nahm sich einfach die gesammelten Werke von Stanislaw Lem und holte all die Prophezeiungen heraus, die für eine nicht nur damals, sondern auch heute noch in der Zukunft liegende Zeit gedacht waren. Das ging von der gepflegten Unterhaltung mit Bakterien über den wie Dostojewski schreibenden Computer (beides aus Imaginäre Größe) bis zur chemischen Kriegsführung mit Wohlfühlbomben (aus dem Futurologischen Kongress) und den DNS-Fabriken aus Summa technologiae, in denen Produkte aller Art durch speziell gezüchtete Samenzellen hergestellt werden.
Thalmann wusste nicht mehr, wie viel er da in diesen vier Frühlingswochen in die Tasten gehauen hatte. Aber ganz offensichtlich war es als Vorlage für andere Mitstreiter hervorragend geeignet. Als Thalmann am 24. April 2006 wieder in sein Büro bei SAP kam, erzählte er nur einigen Leuten aus seiner Abteilung von seiner neuen Idee - zwei Wochen später schrieben bereits 15.000 Menschen in aller Welt an der Wikitelopedie mit. An die Stelle der in früheren Jahrzehnten so frucht- und freudlosen Zukunftsforschung (von Lem natürlich abgesehen) war dadurch eine ebenso fruchtbare wie produktive Zukunftsbeschreibung getreten. "Es geht nicht darum, ob das alles tatsächlich so kommt, wie es bei
wikitelopedia steht", sagte Thomas Thalmann im Frühjahr 2008 bei der Verleihung des Grimme Online Award. "Es geht darum, dass Menschen ihre Fantasie sprühen lassen können, ohne dabei die Bodenhaftung zu verlieren."
Wenn das Stanislaw Lem noch erleben könnte, dachte Thalmann, als er nach der Preisverleihung wieder zu Hause in Hirschberg ankam. Aber dann sprach er sich selbst noch ein bisschen Trost zu: Er hat es zwar nicht erlebt - aber bestimmt vorhergesehen.
Detlef Gürtler ist freier Publizist und Buchautor. Er lebt und arbeitet in Marbella und Berlin.
Mit einer Illustration von Limo Lechner.
© changeX [30.03.2006] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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