| Folge 7: Die Automato-Biographie |
Heute, 670.000 verkaufte Exemplare später, kann sich der 32-jährige Software-Unternehmer ganz entspannt bei Deutschlands damaligem Untergangspropheten für die Aufmerksamkeit bedanken, die seine Kassandra-Rufe dem Produkt bescherten. Und so ein bisschen hatte Jürgens ja schon damals gehofft, dass ihm ein Aufschrei des Feuilletons die Werbekampagne ersetzen könnte, die er sich ohnehin nicht leisten konnte: "Genau aus diesem Grund habe ich das Programm 'Göte' genannt - das musste einfach einen Skandal geben."
Den Skandal verursachte dabei natürlich nicht so sehr der Name, sondern eher die Funktionsweise des Programms. Göte war schließlich die weltweit erste Software, die Bücher schreiben konnte. Autobiographien, um genau zu sein. Und damit wurde erstmals in der Technikgeschichte die schreibende Zunft in ihrer Existenz bedroht. Entsprechend heftig fielen deren Reaktionen aus: "Junk Books" witterte die taz, über "digitale Diarrhoe" hämte der SPIEGEL, und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels drohte präventiv schon mal allen Mitgliedern den Rausschmiss an, die computergeschriebene Literatur verkaufen würden.
Dabei kombinierte Joachim Jürgens nur zwei Ideen, die zwei der größten Denker des 20. Jahrhunderts schon Jahrzehnte zuvor publiziert hatten: Joseph Weizenbaum und Stanislaw Lem.
Joseph Weizenbaum hatte 1966 mit dem Programm "Eliza" erstmals eine intelligente Software entwickelt. Sie stellte Fragen, sie hörte zu und sie ging auf das Gegenüber ein. Zwar hielt der intelligente Eindruck im Verlauf der Konversation nicht besonders lange an, aber das änderte nichts am Grundprinzip - eine Software, die auf die Äußerungen ihres Gegenübers reagiert, kann als realer Kommunikationspartner akzeptiert werden.
Das Grundprinzip der maschinellen Texterstellung hatte Stanislaw Lem schon 1973 in seiner "Geschichte der britischen Literatur" beschrieben. Dort wurden Computer, bevor sie sich literarisch von den Menschen emanzipierten, für die Produktion relativ standardisierter und wenig ambitionierter Texte eingesetzt. Allerdings hatte der polnische Futurologe damals prophezeit, dass das erste Einsatzgebiet schreibender Computer die Produktion pornographischer Literatur sei. Diese jedoch ist in den seither vergangenen Jahrzehnten so vollständig durch Bilder, Filme und Software an die Wand gedrückt worden, dass der Markt schlicht zu klein geworden ist, um hier Produktivitätsvorteile durch den Einsatz von Computern generieren zu können.
Genau umgekehrt verlief die Entwicklung bei der autobiographischen Literatur. Hier gab es bereits seit Jahrzehnten eine stetig steigende potenzielle Nachfrage: Immer mehr Menschen wurden immer älter - und hatten immer weniger Kinder und Enkel, die sich für Geschichten aus ihrem Leben interessierten. Vor allem bei den kinderlos gebliebenen Senioren, einer besonders stark wachsenden Zielgruppe, intensivierte sich mit zunehmendem Alter das Gefühl, ein absterbender Ast der Evolution zu sein: Was bleibt schon von einem, der keine Kinder hat?
"Wer schreibt, der bleibt", lautet ein altes deutsches Sprichwort, an das sich in dieser Situation immer mehr Menschen erinnerten. Schon in den 1990er Jahren war deshalb ein starkes Anwachsen der Nachfrage nach Biographen zu verzeichnen. Es sah so aus, als würde der Trend zur eigenen Lebensbeschreibung einer Vielzahl bis dahin eher brotlos agierender Schriftsteller ein Auskommen bieten: endlos langweilige Geschichten von endlos langweiligen Menschen anhören und in Buchform pressen, damit die Nachwelt von diesen Langweilern Kenntnis nehmen kann - und die Verwandtschaft Kenntnis nehmen muss.
Das Marktwachstum wurde allerdings durch gleich drei Faktoren gebremst: die Hemmschwelle der Kunden, ihre Lebensgeschichte einem wildfremden Menschen zu erzählen, die stark begrenzte Zahl für dieses Gewerbe geeigneter Schreib-Kräfte sowie die hohen Kosten dieser Art von Buchproduktion - unter 3.000 Euro war kein Biograph zu bekommen, inklusive Druckkosten musste eher ein fünfstelliger Betrag einkalkuliert werden. Als Preis der eigenen Eitelkeit war das den meisten Menschen zu hoch.
Mit "Göte" löste Joachim Jürgens alle diese Probleme auf einen Schlag. Die Ersetzung des Biographen durch ein Computerprogramm senkte die Hemmschwelle genauso ab wie den Preis: In der Basisversion für 470 Euro sind zehn gedruckte Exemplare in Paperback-Ausführung mit maximal 200 Seiten bereits im Preis enthalten. Die weit beliebtere "Göte de Lüx"-Version für 970 Euro enthält nicht nur kleine Aufmerksamkeiten wie einen Gutschein für zehn gedruckte Biographien ohne Seitenbeschränkung mit Ledereinband und Goldprägung.
Das Datum, an dem ihm erstmals die Idee zur Autobiographie-Software kam, wird Jürgens niemals vergessen. Was allerdings vor allem daran liegt, dass es sich um den 11. September 2001 handelte. Der Psychologie-Student absolvierte damals ein Praktikum bei der Berliner Zeitung, und besuchte am Vormittag eine Pressekonferenz, auf der Wolfgang Schäuble das Buch Die Pyramide steht Kopf von Roland und Andrea Tichy vorstellte. "Die Wirtschaft in der Altersfalle und wie sie daraus entkommt" hieß der Untertitel, und anders als Schäuble hatte Jürgens tatsächlich eine Idee, wie das Entkommen aussehen könnte. "Im Kopf hatte ich Göte schon nach dem Mittagessen fertig konzipiert. Aber dann kamen die Anschläge von New York, und ich hatte erst einmal anderes zu tun."
Erst Weihnachten 2005 kam ihm das Konzept von damals wieder in den Sinn. "Ich sah meine zehnjährige Nichte 'Nintendogs' spielen. Sie gab dem Hund im Gameboy einen Namen, und immer wenn sie diesen Namen ins Mikrofon rief, bellte der virtuelle Hund zurück. Wenn jetzt schon Kinder mit dem Computer reden können, dann müssten Rentner das auch schaffen." Keine zwei Jahre später kam Jürgens' Autobiographie-Software auf den Markt. Vor allem zu runden Geburtstagen entwickelte sie sich aus dem Stand heraus zum Bestseller. Nach Schätzungen der GfK hat etwa jeder dritte Deutsche, der zwischen 2008 und 2011 seinen 70. Geburtstag feierte, aus diesem Anlass "Göte" geschenkt bekommen.
Die Funktionsweise des Programms ähnelt stark Weizenbaums "Eliza" von 1966, die erstmals die Illusion künstlicher Intelligenz erzeugte. "Nur ist es heute keine Illusion mehr, sondern Realität", versichert Jürgens stolz. Göte arbeitet ein Set von Fragen ab, mit denen das Grundgerüst der Biographie gebaut wird. Das fängt mit der Geburt an. Wann und wo wurden Sie geboren, wie hießen Ihre Eltern, wie viele Geschwister wurden vor, wie viele nach Ihnen geboren? Ähnliche Standard-Sets gibt es für die Schulzeit, die erste Liebe, die berufliche Entwicklung und etwa ein Dutzend weitere "Lebens-Module" (Jürgens).
Die über das reine Abfragen hinausgehende Tiefe erzeugt Göte durch gezielte Nachfragen an allen Stellen, an denen sich von der Norm abweichende Situationen ergeben. Jürgens erläutert diesen Mechanismus am Beispiel der Fragen zur Geburt. "Es gibt ein ganz spezielles Set von Fragen, die sich bei Zwillingen ergeben. Das sind geschlossene Fragen wie: 'Eineiig oder zweieiig? Ähnlich oder nicht-ähnlich?', aber auch offene Fragen wie: 'Gab es eine besonders peinliche Situation, in die Sie hineingeraten sind, weil Sie ein Zwilling waren? Oder eine besonders lustige Situation?' Zudem wird auch in späteren Lebens-Modulen immer wieder nach dem anderen Zwilling gefragt." Ähnlich detaillierte Nachfragen löst Göte im Geburts-Modul aus, wenn kein Vater angegeben wird. Die Geschwisterzahl führt ebenfalls zu intensiven Nachfragen - und wer angibt, seinen Aszendenten zu kennen, darf sich danach auf einige Fragen zu seiner Einstellung zur Astrologie gefasst machen.
Bei der Erstellung des eigentlichen Manuskripts arbeitet Göte mit einer großen Menge gespeicherter Texte, kompletter Biographien oder Teilen davon. So gibt es beispielsweise etwa ein Dutzend Standardgliederungen, die so gut wie alle Lebensläufe abdecken. Durch die Wahl einer dieser Gliederungen wird das Arbeitsprogramm Götes entsprechend konfiguriert. Und wenn jemand sein Leben gerne im Stil einer der großen Autobiographien der Weltliteratur geschrieben haben möchte, so ist auch das möglich: 35 klassische Lebenserinnerungen sind in der Software eingearbeitet - von Johann Wolfgang von Goethe bis zu Dieter Bohlen.
Technisch am interessantesten ist sicherlich, wie die Software es schafft, den Nutzern das Gefühl zu vermitteln, dass hier nicht eine aus Textbausteinen zusammengestückelte Biographie entsteht, sondern die Beschreibung ihres eigenen Lebens. Dafür sorgen vor allem die eingebauten Feedbackschleifen. Insbesondere die Fazitschleife wird von praktisch allen Göte-Nutzern als äußerst hilfreich hervorgehoben.
Sie besteht darin, dass dem Nutzer zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Biographie-Erstellung abverlangt wird: "... das Fazit Ihres bisherigen Lebens in einem Satz zusammenzufassen" - und im weiteren Verlauf immer wieder darüber zu reflektieren: "Das bislang von Ihnen gezogene Fazit Ihrer Biographie lautet ... Stimmen Sie dem immer noch zu, oder möchten Sie etwas ändern?" Für Jürgens ist besonders wichtig, dass an dieser Stelle die Sinnfrage zwar implizit, aber nicht explizit gestellt wird: "Wir regen unsere Kunden an, über den Sinn ihres Lebens nachzudenken, aber wir zwingen sie nicht dazu. Das steht einer Software nicht zu."
changeX 06.04.2006. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.
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Detlef GürtlerDetlef Gürtler ist freier Publizist und Buchautor. Er lebt und arbeitet in Marbella und Berlin.
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