Wir erfinden!
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| Folge 5: Das Müttervergoldungswerk |
Von Detlef Gürtler
Nach "Wir kündigen!" und "Wir fragen!" kommt jetzt "Wir erfinden!". Zwölf Innovationen aus den nächsten zehn Jahren, die unser Leben und Arbeiten leichter, reicher, spannender, erfolgreicher und sinnvoller machen. Achtung: Alles, was Sie jetzt lesen, ist erstunken und erlogen! Oder nicht? Heute: Das Müttervergoldungswerk - eine Netzwerkorganisation, die es jungen Müttern erlaubt, exzellente Ausbildung und Spielplatz, Arbeitshunger und Kinderzimmer virtuos miteinander zu verbinden.
Illustration von Limo Lechner"Schreiben Sie, was Sie wollen. Aber bitte, bitte nicht Müttervergoldungswerk!", flehte Leonie Lange bei der improvisierten Pressekonferenz zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse. "Niemand wird hier vergoldet, nur weil sie Mutter ist. Und die Firma heißt M2M, und damit basta."
Wer die umtriebige 43-Jährige ein bisschen näher kennt, hat durchaus seine Zweifel an der Lauterkeit dieses Flehens. Schließlich war Lange lange genug Journalistin, um zu wissen, dass nunmehr jeder ihrer Ex-Kollegen in seinem Artikel genau diesen Begriff einflechten würde, den der SPIEGEL ihrem Unternehmen vor einem halben Jahr verpasst hatte. Und so unpassend ist der Begriff Müttervergoldungswerk denn auch wieder nicht. Schließlich dürfen nur Mütter für Langes M2M arbeiten. Und diese Arbeit besteht ausschließlich aus etwas, was in klassischen Betrieben zu Abmahnung und Kündigung führen würde: dem Telefonieren mit Freundinnen und Bekannten.
"Wir nutzen hier eines der ältesten Netzwerke überhaupt", sagt Lange, "das Netzwerk der Mütter. Es hat schon in der Steinzeit die Horden zusammengehalten, und es ist noch immer eines der effizientesten Instrumente für das Organisieren einer Gesellschaft." Von jeher hat das Zusammenkommen auf Spiel- und Dorfplätzen kommunikative und soziale Funktionen. Doch durch M2M kommt auch eine ökonomische Funktion hinzu. M2M ist die Abkürzung für "Mother to Mother", und das Vehikel, mit dem Lange, selbst Mutter von zwei Söhnen, die immensen Produktivitätsreserven - und Profitchancen - erschließen wollte, die in der Nutzung dieser Netzwerke liegen.
In der klassischen Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts lagen diese Reserven brach. Die gesamte Infra- und Denkstruktur war auf die Bürokratien der Massenarbeitnehmerhaltung ausgerichtet. Mütter, die Geld verdienen wollten oder mussten, waren deshalb gezwungen, morgens das Kind in der Krippe abzuwerfen, in die City zu hetzen, vier Stunden im Hamsterrad zu japsen, mit schlechtem Gewissen und ohne Karrierechance zurückzujagen und dafür nach Steuern gerade so viel übrig zu behalten, dass Putzfrau und Babysitter noch bezahlt werden konnten.
Noch am Anfang unseres 21. Jahrhunderts führte die Fixierung auf solche, technisch längst überholten Arbeitsmuster zu hektischen Bemühungen, das Familienleben besser an die Bedürfnisse der Erwerbsarbeit anzupassen. Bis Leonie Lange am Muttertag 2007 ihr Unternehmen startete und damit den Spieß umdrehte - indem sie die Erwerbsarbeit an die Bedürfnisse des Familienlebens anpasste.
Das M2M-Geschäftsmodell ist einfach. Eine Mutter erfährt von jemand, der etwas braucht: Der Gemüsehändler um die Ecke möchte seinen Laden renovieren, ein Markenartikler sucht Produkttester, ein Maschinenbauer will eine chinesische Version seiner Webseite. Also ruft sie eine Freundin an, die eine Idee haben könnte, wer da helfen kann. Die kennt tatsächlich jemand, oder kennt jemand, der jemand kennt. Wenn auf diese Weise nicht nur Kontakte entstehen, sondern auch ein Geschäft zustande kommt, muss dafür derjenige, der am Ende das Geld einnimmt, eine Provision zahlen. Die fälligen Sätze sind dabei je nach Volumen und Art des Geschäfts gestaffelt. Diese Provision wird unter all denen verteilt, die am Zustandekommen des Geschäfts beteiligt waren.
Anfangs lästerten die vom System ausgeschlossenen Männer noch abfällig, dass die Vermittlungsprovision für Strickpullover, Windeltester und Babysitter den ganzen Aufwand ja wohl nicht rechtfertige. Doch damit hatten sie, wie schon Generationen von Männern vor ihnen, die Mütter unterschätzt. Der fulminante Beleg für die ganz spezielle Qualität von Mütternetzwerken wurde im September 2008 erbracht. Die M2Mlerin und ehemalige Bild-Redakteurin Dorothea Dürre schob ihren Kinderwagen durch den altweibersommerlichen Hochtaunus, als ihr zwei Spaziergänger in angeregter Unterhaltung entgegenkamen, die sie unschwer als Johanna Quandt und Dieter Zetsche identifizieren konnte. Sie informierte davon eine andere Mutter aus ihrer Krabbelgruppe, von der sie wusste, dass diese früher mal irgendetwas mit Investmentbanken zu tun gehabt hatte. Die wiederum aktivierte ihre alten Kontakte, und zwei Tage später hatte Goldman Sachs den Auftrag, die DaimlerChrysler AG bei der Fusion mit BMW zu beraten - und Dorothea Dürre war um 232.000 Euro reicher.
Dieser Paukenschlag brachte M2M eine enorme Woge an Medienberichten. Nach einer Zählung des Institutes "Medien-Tenor" schaffte es Langes Unternehmen im vierten Quartal 2008 unter die zehn meistgenannten Firmen in deutschen Zeitungen - und auf Platz eins der Firmen-Nennungen im Feuilleton. "Das war schon putzig", erinnert sich Lange. "All die alten Herren, die in den Jahren zuvor den ökonomischen Niedergang der Familien bejammert hatten, beklagten sich nun, dass M2M zu einer Ökonomisierung privater Beziehungen führe, und damit den letzten Hort wahren Menschseins dem unbarmherzigen Kapitalismus ausliefere." Den Müttern waren die Bedenken der Feuilletonisten jedoch offenbar egal: Die Zahl der M2M-Mitarbeiterinnen verzwanzigfachte sich innerhalb von sechs Monaten.
Das kitzligste Problem, das Lange lösen musste, um M2M überhaupt im großen Maßstab funktionsfähig zu machen, war die Abrechnung. Sie musste erreichen, dass möglichst viele derjenigen, die am Ende eine Provision einkassieren, den übrigen Müttern in der Kette deren Anteil zukommen lassen, und dass möglichst zweifelsfrei festgehalten werden kann, wer tatsächlich an der Vermittlung eines Geschäfts beteiligt und damit provisionsberechtigt war - und das alles ohne Papierkram und bürokratischen Aufwand für die beteiligten Mütter. "Mütter müssen an so viele Dinge gleichzeitig denken, dass es in einem heillosen Chaos enden würde, wenn ich darauf angewiesen wäre, dass sie ständig die Abrechnung für M2M im Kopf haben. Sie sollen kommunizieren und dadurch Menschen zueinander bringen, und dafür am Ende des Monats automatisch Geld und eine Abrechnung bekommen." Und auch für Lange selber sollte dabei natürlich noch eine Rendite herausspringen.
Die fast perfekte Antwort auf all diese Fragen fand sie im Telefon: "Sollen doch die Männer ihre Netzwerke im Internet per E-Mail pflegen - Frauen telefonieren." Lange besorgte sich die Telefon-Vorwahl 010101, die ein gestrandeter Call-by-Call-Anbieter günstig abgab, und machte aus ihr die zentrale Schaltstelle des Unternehmens. Jeder Anruf, bei dem diese Vorwahl gewählt wird, wird automatisch als M2M-Anruf registriert - und nur solche Anrufe können auch Provisionen einbringen. Am Monatsende wird automatisch eine Tabelle mit allen geführten Gesprächen erstellt sowie eine zweite Tabelle mit allen zurückfließenden Provisionen. Aus dem Saldo von Telefonkosten und Provisionserlösen ergibt sich ein Endbetrag, der vom Konto der Mitarbeiterin eingezogen oder ihm gutgeschrieben wird. Für Lange bleibt ein Provider-Anteil von 2,7 Cent pro Gesprächsminute hängen. Nach Abzug der Verwaltungs- und Abrechnungskosten bleibt ihr als Gewinnanteil "mehr als bei einem klassischen Bürojob, aber weit weniger, als meine besten Mitarbeiterinnen verdienen."
Mit dem Erfolg von M2M und seinen Mitarbeiterinnen haben nun auch die Wirtschaftswissenschaftler die ökonomischen Potenziale von Müttern entdeckt. Besondere Beachtung fand "Family Business", die Analyse der neuen ifo-Präsidentin Gerlinde Sinn. Sie beschrieb die traditionellen Kernkompetenzen dieser Bevölkerungsgruppe: Mütter sind Innovationen gegenüber aufgeschlossen (wer Kinder hat, muss ständig neue Lösungen finden), sie sind darin trainiert, Neuigkeiten durch direkte Kommunikation im Netzwerk zu verbreiten (nur böse Zunge nennen das Klatsch), und sie haben die Verfügungsgewalt über den größten Teil des Haushaltseinkommens.
Daneben stellte Sinn die in der frühen Wissensgesellschaft hinzugekommenen Qualitäten: Die Mütter von heute seien nämlich nicht nur besser ausgebildet, als ihre Mütter es waren, sie verfügten auch über ein gerüttelt Maß an Berufserfahrung - weil sie sich immer häufiger erst für Kinder entschieden, wenn sie bereits mitten im Berufsleben stünden. Sie versammelten also Know-how, Kontakte und Erfahrungen aus unterschiedlichsten Branchen, Funktionen und Lebenswelten, und entsprächen damit dem Idealtyp des wissensgesellschaftlichen Symbolanalytikers weit mehr als die meisten klassischen Arbeitnehmer. Lange rückübersetzt diese Analyse in verständliches Deutsch, indem sie von ihrer eigenen Erfahrung im Hamburger Stadtpark erzählt: "Marketingfachfrau und Werbegrafikerin, Ärztin und Architektin, Journalistin und Steuerberaterin, alles das, was sich traditionelle Arbeitsplatzbesitzer mühsam auf Kongressen und Seminaren an Kontakten zusammensuchen müssen, saß da gemeinsam auf der Bank neben dem großen Sandkasten am Grasweg."
Nicht nur, aber natürlich ganz besonders in der Phase der explosionsartigen Expansion des Unternehmens stellte sich die Frage nach der Ehrlichkeit der Beteiligten. Schließlich ist M2M darauf angewiesen, dass all die Mitarbeiterinnen, die durch Vermittlung des Netzwerks Geld verdienen, dieses auch mitteilen und die entsprechende Provision abtreten. Aber zu ihrer eigenen Überraschung muss Leonie Lange hier nur in wenigen Streitfällen eingreifen: In aller Regel werden die eingehenden Gelder korrekt angemeldet. Die Feministen-Zeitschrift Emma verstieg sich in ihrem Bericht über M2M deshalb zu der These, dass Frauen eben doch die besseren Menschen seien: "Wenn es um das Verteilen der Beute geht, werden Männer zu reißenden Wölfen - Frauen teilen schwesterlich."
Diese geradezu biologistische Argumentation geht Lange eindeutig zu weit. Sie macht den Verteilungsmechanismus für die guten Ergebnisse verantwortlich: "Eine Mitarbeiterin, die betrügen wollte, müsste nicht mich, eine anonyme Organisation oder eine weit entfernte, unbekannte Person betrügen - sie müsste eine ihr nahe stehende Mutter betrügen. Denn Betrug würde bedeuten, derjenigen, von der man selbst angerufen wurde, den dadurch induzierten finanziellen Erfolg zu verschweigen. Und das macht man eben nicht."
Detlef Gürtler ist freier Publizist und Buchautor. Er lebt und arbeitet in Marbella und Berlin.
Mit einer Illustration von Limo Lechner.
© changeX [23.03.2006] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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