Wir erfinden!
Eine changeX-Serie in 12 Folgen. Jeden Donnerstag neu.
| Folge 9: Das Abwassertaxi |
Von Detlef Gürtler
Nach "Wir kündigen!" und "Wir fragen!" kommt jetzt "Wir erfinden!". Zwölf Innovationen aus den nächsten zehn Jahren, die unser Leben und Arbeiten leichter, reicher, spannender, erfolgreicher und sinnvoller machen. Achtung: Alles, was Sie jetzt lesen, ist erstunken und erlogen! Oder nicht? Heute: Das Abwassertaxi, das Warensendungen schnell und ohne Stau ans Ziel bringt. Es fährt durch unterirdische Abwasserkanäle, die alle Orte miteinander vernetzen. An den Gullys warten dann die Zusteller für die letzten Meter zur Haustür.
Illustration von Limo LechnerAm 8. Mai 2013 konnte Günther Jauch wieder einmal eine Weltpremiere vermelden. "Erstmals in der Geschichte können Sie heute live bei der Jungfernfahrt eines neuen Verkehrsmittels dabei sein", kündigte der stern-TV-Moderator an, und schaltete zum Platz vor dem Berliner Reichstag. Dort standen, von einem Zelt vor dem Frühlingsregen geschützt, der umstrittene Hamburger Aktionskünstler Anton Alth und ein Metallzylinder, der ein wenig an eine Patrone in Übergröße erinnerte.
"Man könnte meinen, Sie wären bei meinem Freund Thomas Gottschalk besser aufgehoben", scherzte Jauch. "Wetten, dass Anton Alth es schafft, in diesem Gehäuse eingeschlossen vom Reichstag durch die Kanalisation zu unserem Studio in Adlershof zu kommen?"
"Topp, die Wette gilt", antwortete Alth trocken, zog sich den Schutzanzug an, stieg in seinen "Canaletto", und verschwand im Kanalschacht. "Na dann, schaun mer mal", entgegnete Jauch im Stil von Bundespräsident Franz Beckenbauer, und ließ sich im Studio vom Leiter der Berliner Wasserbetriebe zeigen, auf welcher Route der Canaletto nun unterwegs sei - und versichern, dass die Luft in Alths Atemgerät auch im ungünstigsten Fall ausreichen würde, ihn bei einer Havarie zu bergen.
Nach jeder Werbepause wurde live ins Innere der Fahrpatrone geschaltet, wo ein sichtlich angespannter Pilot Passagen aus Charles Lindberghs Mein Flug über den Ozean rezitierte. Um 23.33 Uhr, genau 71 Minuten nach dem Start, hob sich der Canaletto behutsam aus dem Kanalschacht vor dem Studioeingang empor - wo natürlich rechtzeitig der Kanaldeckel abgenommen worden war. "Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer Schritt für mich", deklamierte Alth und sonnte sich im Beifall der Zuschauer: Erstmals war ein ferngesteuertes Fahrzeug über die Kanalisation zu seinem Ziel gelangt.

Wie im Internet.


Die technische Lösung war verblüffend einfach: An der Decke der gewählten Route war eine spezielle Metallbeschichtung angebracht worden. Die Antriebseinheit im Oberteil des Fahrzeugs erzeugte elektromagnetische Kräfte, die das Gefährt nicht nur an der Decke hielten, sondern es auch steuerbar machten. So weit ein Kanalsystem reicht, ist es damit theoretisch völlig ausreichend, das gewünschte Ziel in die Steuerungseinheit einzugeben, um ohne weiteren manuellen Aufwand dort anzukommen. Trotz der so völlig unterschiedlichen Technik und Beschaffenheit war eigentlich das gleiche Prinzip angewandt worden wie für den Datentransport im Internet: Ein Päckchen wird durch ein weit verzweigtes Transportnetz automatisch zu seinem Bestimmungsort gebracht. Nur dass es sich in diesem Fall nicht um Datenbits, sondern um einen Aktionskünstler handelte.
Für den 57-jährigen Alth endete mit dieser spektakulären Vorführung ein Projekt, an dessen Realisierung er mehr als zwei Jahre gearbeitet hatte. Denn der Startschuss für die "20 Meilen unter dem Pflaster" vom Mai 2013 war zwei Jahre zuvor in der Hamburger Speicherstadt gefallen. Dort hatte die Künstlergruppe "Kehrbaldwieder" auf Alths Initiative das weltweit erste Upcycling-Projekt gestartet.
Upcycling sei "die faktische Widerlegung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik", so der Initiator: "Die Entropie dreht ihr Vorzeichen um, und aus dem scheinbar unausweichlichen Reibungsverlust wird ein Reibungsgewinn." Ausgelaugte, alte Produkte werden im Recycling-Prozess üblicherweise entwertet - aus Briefpapier wird Wellpappe, aus Joghurtbechern Blumenkübel. Im Upcycling-Prozess kehrt sich dieser Prozess um: Aus dem hässlichen Entlein wird der strahlende Schwan.
Mit einer Spende der Körber-Stiftung konnten Alth und sieben seiner Mitstreiter in einem jener Lagerhäuser im Hamburger Freihafen starten, deren Revitalisierung seit der Jahrtausendwende nach Ansicht der Hamburger Wirtschaftsförderer ein Beispiel für besonders gelungenes Flächenrecycling darstellt. Eines der anfangs umstrittensten Projekte der Kehrbaldwieders fand in den öffentlich zugänglichen Räumen im Erdgeschoss statt: die so genannte "Mediarchäologie". Ein Zufallsgenerator wählte täglich einen neuen, mindestens 40 Jahre zurückliegenden Tag aus, und projizierte an die Wände Zeitungs- und Zeitschriftenartikel sowie Fernsehbilder von eben jenem Tag - und aus den neuen Gedanken der Künstler sowie der sonstigen Anwesenden zu den alten Geschichten erstellte eine speziell entwickelte Software täglich eine neue Mind Map.
Das Establishment reagierte pikiert: Was sollte daran Kunst sein, vergilbtes Altpapier und Sketche von Peter Frankenfeld an die Wand zu werfen? Und, ganz ehrlich, nicht jeder der Gedanken der Mediarchäologen konnte für sich in Anspruch nehmen, die ollen Kamellen von vor 40 Jahren upcyclingmäßig aufzuwerten. Aber dann kam der Tag, als der Zufallsgenerator eine "Wünsch-Dir-Was"-Sendung vom Anfang der 1970er Jahre ausstrahlte. In dieser ließ Quizmaster Dietmar Schönherr mitten in der Sendung ein Auto explodieren; aus dem Rauch trat der Futuro- und Ökologe Robert Jungk hervor, hielt ein flammendes Plädoyer gegen den Individualverkehr und improvisierte anschließend mit den Quiz-Kandidaten eine Zukunftswerkstatt, um Alternativen zum Auto zu finden. Und ein Kandidat fand tatsächlich eine: den Transport durch das Netz der Abwasserkanäle.

Gullyvers Reisen.


Das machen wir, beschloss Anton Alth spontan. Ihm war nämlich etwas aufgefallen, das in den 1970ern noch niemand sehen konnte: die Ähnlichkeit des Abwasserkanal-Netzes mit dem Internet: "Von jedem beliebigen Punkt in einer Stadt kann man über die Abwasserkanäle zu jedem anderen Punkt der Stadt kommen. Ein scheinbar marodes Leitungsnetz aus dem 19. Jahrhundert wird damit zum ultramodernen Transportmittel upgecycelt." Als Termin für die Jungfernfahrt hatte er sich schnell den Mai 2013 auserkoren - schließlich war der 11. Mai 2013 der 100. Geburtstag Robert Jungks.
Doch die Investitionen in die Kanaldecken-Beschichtung und die Produktion des Canaletto-Prototyps wären aus dem Etat der Körber-Stiftung allein nicht zu stemmen gewesen. Mit etwa einer Million Euro hatte Alth das Projekt kalkuliert; 1,7 Millionen sollten es am Ende werden. Den Löwenanteil davon würden die zuständigen Wasserbetriebe übernehmen müssen. In Hamburg fiel das Abwassertaxi durch: zu fantastisch für die nüchternen Hanseaten, und der Landesrechnungshof meldete schon im Vorfeld ernste Bedenken an. Bei den Berliner Wasserbetrieben hingegen rannte Alth offene Türen ein. Die waren nämlich im Herbst 2010 von dem Heuschreckenfonds Greystoke Capital Partners übernommen worden, und deshalb offen für Ideen, aus denen sich neue Geschäftsfelder entwickeln konnten.
Nach der spektakulären Jungfernfahrt bei Günther Jauch ergoss sich eine Woche lang kübelweise Hohn und Spott über die Berliner Wasserbetriebe. "Mit Jauch in die Jauche", ekelte sich die Berliner Morgenpost, über "Gullyvers Reisen", lästerte die Bild-Zeitung. "Für so wat hamse Geld", quengelte die B.Z. und versprach schon mal heftigen Widerstand gegen die nächste Wasserpreis-Erhöhung. Doch genau nach dieser einen Woche schwenkten die größten Zeitungen der Hauptstadt abrupt auf Schmusekurs - denn Springer-Chef Mathias Döpfner kaufte Greystoke fünf Prozent der Wasserbetriebe ab.

Schneller Gütertransport, unterirdisch.


Plötzlich wurde die ökonomische Logik des Abwassertaxi-Projekts klar. Es ging gar nicht um den Personenverkehr - wer würde sich schon freiwillig in eine enge Patrone zwängen, um durch die Eingeweide der Stadt geschleust zu werden? Umso interessanter jedoch war der Markt für innerstädtischen Gütertransport. Mit der Beförderung via Kanalnetz konnte sozusagen die "vorletzte Meile" bewältigt werden: vom Güterverteilzentrum am Stadtrand bis direkt in das Stadtviertel des Adressaten können Pakete und Päckchen auf diese Weise ohne Abgase und Verkehrsstaus verschickt werden. Nur für die "letzte Meile" vom dezentralen Sammelpunkt bis zur Haustür würden noch Zusteller gebraucht werden. Und über die verfügt in Berlin nun mal der Springer-Konzern mit seinen Zeitungs-Zustellern.
Die Nutzung der Kanalisation für den Paket-Transport ermöglichte damit den Zeitungskonzernen, in direkte Konkurrenz mit DHL und UPS zu treten - mit der Briefzustellung waren ja schon seit 2005 Erfahrungen in diesem Marktsegment gesammelt worden.
Und Anton Alth? Hat sich natürlich längst auf das nächste mediarchäologische Projekt gestürzt. Auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2013 wird er die "Edition Klassenkrimi" vorstellen: 100-prozentig linientreue Kundschafter-Romane aus dem Militärverlag der DDR, "eine der authentischsten und unterhaltsamsten Quellen aus jener längst untergegangenen Welt".

Detlef Gürtler ist freier Publizist und Buchautor. Er lebt und arbeitet in Marbella und Berlin.

Mit einer Illustration von Limo Lechner.

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