| Folge 9: Das Abwassertaxi |
"Man könnte meinen, Sie wären bei meinem Freund Thomas Gottschalk besser aufgehoben", scherzte Jauch. "Wetten, dass Anton Alth es schafft, in diesem Gehäuse eingeschlossen vom Reichstag durch die Kanalisation zu unserem Studio in Adlershof zu kommen?"
"Topp, die Wette gilt", antwortete Alth trocken, zog sich den Schutzanzug an, stieg in seinen "Canaletto", und verschwand im Kanalschacht. "Na dann, schaun mer mal", entgegnete Jauch im Stil von Bundespräsident Franz Beckenbauer, und ließ sich im Studio vom Leiter der Berliner Wasserbetriebe zeigen, auf welcher Route der Canaletto nun unterwegs sei - und versichern, dass die Luft in Alths Atemgerät auch im ungünstigsten Fall ausreichen würde, ihn bei einer Havarie zu bergen.
Nach jeder Werbepause wurde live ins Innere der Fahrpatrone geschaltet, wo ein sichtlich angespannter Pilot Passagen aus Charles Lindberghs Mein Flug über den Ozean rezitierte. Um 23.33 Uhr, genau 71 Minuten nach dem Start, hob sich der Canaletto behutsam aus dem Kanalschacht vor dem Studioeingang empor - wo natürlich rechtzeitig der Kanaldeckel abgenommen worden war. "Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer Schritt für mich", deklamierte Alth und sonnte sich im Beifall der Zuschauer: Erstmals war ein ferngesteuertes Fahrzeug über die Kanalisation zu seinem Ziel gelangt.
Wie im Internet.
Die technische Lösung war
verblüffend einfach: An der Decke der gewählten Route war eine
spezielle Metallbeschichtung angebracht worden. Die
Antriebseinheit im Oberteil des Fahrzeugs erzeugte
elektromagnetische Kräfte, die das Gefährt nicht nur an der Decke
hielten, sondern es auch steuerbar machten. So weit ein
Kanalsystem reicht, ist es damit theoretisch völlig ausreichend,
das gewünschte Ziel in die Steuerungseinheit einzugeben, um ohne
weiteren manuellen Aufwand dort anzukommen. Trotz der so völlig
unterschiedlichen Technik und Beschaffenheit war eigentlich das
gleiche Prinzip angewandt worden wie für den Datentransport im
Internet: Ein Päckchen wird durch ein weit verzweigtes
Transportnetz automatisch zu seinem Bestimmungsort gebracht. Nur
dass es sich in diesem Fall nicht um Datenbits, sondern um einen
Aktionskünstler handelte.
Für den 57-jährigen Alth endete mit dieser spektakulären
Vorführung ein Projekt, an dessen Realisierung er mehr als zwei
Jahre gearbeitet hatte. Denn der Startschuss für die "20 Meilen
unter dem Pflaster" vom Mai 2013 war zwei Jahre zuvor in der
Hamburger Speicherstadt gefallen. Dort hatte die Künstlergruppe
"Kehrbaldwieder" auf Alths Initiative das weltweit erste
Upcycling-Projekt gestartet.
Upcycling sei "die faktische Widerlegung des zweiten
Hauptsatzes der Thermodynamik", so der Initiator: "Die Entropie
dreht ihr Vorzeichen um, und aus dem scheinbar unausweichlichen
Reibungsverlust wird ein Reibungsgewinn." Ausgelaugte, alte
Produkte werden im Recycling-Prozess üblicherweise entwertet -
aus Briefpapier wird Wellpappe, aus Joghurtbechern Blumenkübel.
Im Upcycling-Prozess kehrt sich dieser Prozess um: Aus dem
hässlichen Entlein wird der strahlende Schwan.
Mit einer Spende der Körber-Stiftung konnten Alth und
sieben seiner Mitstreiter in einem jener Lagerhäuser im Hamburger
Freihafen starten, deren Revitalisierung seit der
Jahrtausendwende nach Ansicht der Hamburger Wirtschaftsförderer
ein Beispiel für besonders gelungenes Flächenrecycling darstellt.
Eines der anfangs umstrittensten Projekte der Kehrbaldwieders
fand in den öffentlich zugänglichen Räumen im Erdgeschoss statt:
die so genannte "Mediarchäologie". Ein Zufallsgenerator wählte
täglich einen neuen, mindestens 40 Jahre zurückliegenden Tag aus,
und projizierte an die Wände Zeitungs- und Zeitschriftenartikel
sowie Fernsehbilder von eben jenem Tag - und aus den neuen
Gedanken der Künstler sowie der sonstigen Anwesenden zu den alten
Geschichten erstellte eine speziell entwickelte Software täglich
eine neue Mind Map.
Das Establishment reagierte pikiert: Was sollte daran Kunst
sein, vergilbtes Altpapier und Sketche von Peter Frankenfeld an
die Wand zu werfen? Und, ganz ehrlich, nicht jeder der Gedanken
der Mediarchäologen konnte für sich in Anspruch nehmen, die ollen
Kamellen von vor 40 Jahren upcyclingmäßig aufzuwerten. Aber dann
kam der Tag, als der Zufallsgenerator eine
"Wünsch-Dir-Was"-Sendung vom Anfang der 1970er Jahre ausstrahlte.
In dieser ließ Quizmaster Dietmar Schönherr mitten in der Sendung
ein Auto explodieren; aus dem Rauch trat der Futuro- und Ökologe
Robert Jungk hervor, hielt ein flammendes Plädoyer gegen den
Individualverkehr und improvisierte anschließend mit den
Quiz-Kandidaten eine Zukunftswerkstatt, um Alternativen zum Auto
zu finden. Und ein Kandidat fand tatsächlich eine: den Transport
durch das Netz der Abwasserkanäle.
Gullyvers Reisen.
Das machen wir, beschloss Anton
Alth spontan. Ihm war nämlich etwas aufgefallen, das in den
1970ern noch niemand sehen konnte: die Ähnlichkeit des
Abwasserkanal-Netzes mit dem Internet: "Von jedem beliebigen
Punkt in einer Stadt kann man über die Abwasserkanäle zu jedem
anderen Punkt der Stadt kommen. Ein scheinbar marodes
Leitungsnetz aus dem 19. Jahrhundert wird damit zum ultramodernen
Transportmittel upgecycelt." Als Termin für die Jungfernfahrt
hatte er sich schnell den Mai 2013 auserkoren - schließlich war
der 11. Mai 2013 der 100. Geburtstag Robert Jungks.
Doch die Investitionen in die Kanaldecken-Beschichtung und
die Produktion des Canaletto-Prototyps wären aus dem Etat der
Körber-Stiftung allein nicht zu stemmen gewesen. Mit etwa einer
Million Euro hatte Alth das Projekt kalkuliert; 1,7 Millionen
sollten es am Ende werden. Den Löwenanteil davon würden die
zuständigen Wasserbetriebe übernehmen müssen. In Hamburg fiel das
Abwassertaxi durch: zu fantastisch für die nüchternen Hanseaten,
und der Landesrechnungshof meldete schon im Vorfeld ernste
Bedenken an. Bei den Berliner Wasserbetrieben hingegen rannte
Alth offene Türen ein. Die waren nämlich im Herbst 2010 von dem
Heuschreckenfonds Greystoke Capital Partners übernommen worden,
und deshalb offen für Ideen, aus denen sich neue Geschäftsfelder
entwickeln konnten.
Nach der spektakulären Jungfernfahrt bei Günther Jauch
ergoss sich eine Woche lang kübelweise Hohn und Spott über die
Berliner Wasserbetriebe. "Mit Jauch in die Jauche", ekelte sich
die
Berliner Morgenpost, über "Gullyvers Reisen", lästerte die
Bild-Zeitung. "Für so wat hamse Geld", quengelte die
B.Z. und versprach schon mal heftigen Widerstand gegen die
nächste Wasserpreis-Erhöhung. Doch genau nach dieser einen Woche
schwenkten die größten Zeitungen der Hauptstadt abrupt auf
Schmusekurs - denn Springer-Chef Mathias Döpfner kaufte Greystoke
fünf Prozent der Wasserbetriebe ab.
Schneller Gütertransport, unterirdisch.
Plötzlich wurde die ökonomische
Logik des Abwassertaxi-Projekts klar. Es ging gar nicht um den
Personenverkehr - wer würde sich schon freiwillig in eine enge
Patrone zwängen, um durch die Eingeweide der Stadt geschleust zu
werden? Umso interessanter jedoch war der Markt für
innerstädtischen Gütertransport. Mit der Beförderung via
Kanalnetz konnte sozusagen die "vorletzte Meile" bewältigt
werden: vom Güterverteilzentrum am Stadtrand bis direkt in das
Stadtviertel des Adressaten können Pakete und Päckchen auf diese
Weise ohne Abgase und Verkehrsstaus verschickt werden. Nur für
die "letzte Meile" vom dezentralen Sammelpunkt bis zur Haustür
würden noch Zusteller gebraucht werden. Und über die verfügt in
Berlin nun mal der Springer-Konzern mit seinen
Zeitungs-Zustellern.
Die Nutzung der Kanalisation für den Paket-Transport
ermöglichte damit den Zeitungskonzernen, in direkte Konkurrenz
mit DHL und UPS zu treten - mit der Briefzustellung waren ja
schon seit 2005 Erfahrungen in diesem Marktsegment gesammelt
worden.
Und Anton Alth? Hat sich natürlich längst auf das nächste
mediarchäologische Projekt gestürzt. Auf der Frankfurter
Buchmesse im Oktober 2013 wird er die "Edition Klassenkrimi"
vorstellen: 100-prozentig linientreue Kundschafter-Romane aus dem
Militärverlag der DDR, "eine der authentischsten und
unterhaltsamsten Quellen aus jener längst untergegangenen
Welt".
Detlef Gürtler ist freier Publizist und Buchautor. Er lebt und arbeitet in Marbella und Berlin.
Mit einer Illustration von Limo Lechner.
© changeX [20.04.2006] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.
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